Im Februar war Radio Lippe zusammen mit dem Presseoffizier der Panzerbrigade, Hauptmann Udo Hagedorn bei uns am Simulator zu Gast. Lesen Sie hier den vollständigen Bericht:

Augustdorf, 07.03.2016.
Im Jahr 1978 wurden an vier Standorten der Bundeswehr Panzerausbildungskompanien Fahrsimulation Kette aufgestellt. Mit der Aufstellung dieser Ausbildungskompanien begann im Heer an den Standorten Munster, Augustdorf, Stadtallendorf und Dornstadt das Zeitalter der simulationsgestützten Ausbildung für Panzerfahrer. Am Standort Augustdorf hat einer dieser Simulatoren nicht nur alle Strukturen der Bundeswehr „überlebt“, sondern auch jeden technischen Fortschritt außer Acht gelassen.

In einem Schrank, 90 Zentimeter breit und etwa zwei Meter hoch ist das digitale „Herz“ des Fahrsimulators untergebracht. Die Rechnerleistung des im Jahr 1978 in die Bundeswehr eingeführten Fahrsimulators Leopard 1, beträgt 4 Kilobyte (KB). Was in der heutigen Zeit einem Bruchteil der Leistungsfähigkeit eines durchschnittlichen Mobiltelefons entspricht, war für die damalige Zeit die Rechnerleistung, die ausreichend war, um den Fahrsimulator mit allen notwendigen Daten zu versorgen.

Jede Panzerausbildungskompanie Fahrsimulator Kette (PzAusbKp FahrSim Kette) verfügte über vier dieser Fahrerstände mit je einem Leitstand für den Fahrlehrer und einer Fahrerkabine für den Fahrschüler, die dem Fahrerraum des Kampfpanzers Leopard 1, mit allen notwendigen Bedienelementen, entsprach.

Der Fahrschüler fuhr den Panzer, indem er durch seine simulierte Fahrt mit einem Tastschuh, der dem Schuh einer Nähmaschine zum Verwechseln ähnlich sieht, nach den Anweisung des Fahrlehrers über eine Miniaturlandschaft im Maßstab 1:300 führte. Das Miniaturgelände, in einer Größe von 3x9 Metern verfügt über ein Straßennetz und über ein typisches Panzergelände, in den Schwierigkeitsstufen leicht bis schwer. Aber auch eine Verladerampe, über die der Fahrschüler „seinen Panzer“ auf Wagons der Bahn verladen kann ist vorhanden. „Jede Bewegung im Gelände die der Tastschuh durch die Geländebeschaffenheit erzeugt, wird mit Hilfe einer Hydraulikanlage direkt auf die Fahrerkabine übertragen“, erklärt Hauptmann Dirk von Ohlen, der Vorsitzende des Traditionsvereins. Eine winzige Kamera im Kopf des Tastschuhs überträgt das Geländebild auf einen Monitor in die Fahrerkabine des Fahrschülers und auf den Fahrerstand des Fahrlehrers. So ist die Simulation für die Bewegung und für den Blick des Fahrers in das Gelände perfekt.

Der Fahrlehrer konnte zudem über eine weitere Kamera, die in der Fahrerkabine angebracht war, den Fahrschüler kontrollieren. Die Ausbildung umfasste acht Fahrstunden im Simulator, entsprechende Unterrichte, vier Tage praktische Ausbildung am Panzer und insgesamt fünf weitere Fahrstunden auf öffentlichen Straßen und im Gelände. Diese Ausbildung fand bis 1990 im Schichtbetrieb bis in die Abendstunden statt. „So konnten jährlich bis zu 1.440 Soldaten zu Panzerfahrern ausgebildet werden“, so Hauptmann von Ohlen weiter, der selbst als Militärkraftfahrlehrer und Zugführeroffizier in der Kompanie Dienst getan hat.

Im Jahr 1990 sind dann, mit einem Nachfolgesystem, fünf weitere Kraftfahrausbildungskompanien in Fürstenau, für den Schützenpanzer Marder, in Baumholder für die Panzerhaubitze und das Mittlere Abwehr-Raketensystem MARS, in Kühlsheim für den Kampfpanzer Leopard 2 sowie in Hammelburg und Feldkirchen, jeweils für den Schützenpanzer Marder, aufgestellt worden.

Die im Laufe der Jahrzehnte durchgeführten Strukturänderungen in der Bundeswehr beeinflussten auch die simulationsgestützte Ausbildung, insbesondere auch im Bereich der Ausbildung zum Panzerfahrer. Nebenbei erfuhren die inzwischen neun Standorte der simulationsgestützten Ausbildungseinrichtungen teilweise technische Umrüstungen. Die Rechner wurden moderner. Die Rechnerleistungen stiegen und die analoge Darstellung wurde teilweise durch eine digitalisierte Darstellung abgelöst.

Das alles führte aber dennoch dazu dass, insbesondere auch durch die deutliche Verringerung der Anzahl der Panzerbataillone im Heer, mehr als die Hälfte aller Fahrsimulatoren aufgelöst wurden. So traf es auch die PzAusbKp FahrSim Kette in Augustdorf. Nach fast 27 Dienstjahren wurde die Kompanie am 30.06.2005 außer Dienst gestellt.

Mit der Ankündigung der bevorstehenden Auflösung der Kompanie wurde am 4. Oktober 2004 der „Traditionsverein FahrSim Kette Augustdorf e.V.“ aus der Taufe gehoben. Ehemalige Soldaten der Kompanie aber auch damals noch aktive Soldaten, unterstützt durch ziviles Personal, dass die technische Wartung der Simulatoren über die vielen Jahre durchgeführt hatte, lieferten die Idee zur Gründung des Vereines. Sie stellten Anträge an das Bundesministerium der Verteidigung und an die zivilen Firmen, die das Simulationssystem entwickelt und technisch betreut hatten, um eine Überlassung des Fahrsimulators an den Traditionsverein zu erwirken. „Aus damaliger Sicht ein schier aussichtsloses Unterfangen“, erinnert sich Peter Fischer, der heute beim Bundeswehrdienstleistungszentrum in Augustdorf beschäftigt ist.

Entgegen den Erwartungen wurde dem Verein unmittelbar nach der Außerdienststellung der Kompanie zum 30.06.2005 tatsächlich ein Simulator überlassen. Der Verein kommt seit dieser Zeit für alle entstehenden Kosten allein auf. Die Räumlichkeiten, innerhalb der Augustdorfer Kaserne, dürfen aber kostenfrei genutzt werden. „Bemerkenswert ist die Tatsache, dass bis auf wenige kurzfristige Ausfälle, diese Anlage bis heute wie ein „Schweizer Uhrwerk“ funktioniert.“, berichten die Vereinsmitglieder nicht ohne Stolz auf „ihren Simulator“. Tausende zivile und militärische Besucher haben seit der Übernahme des Fahrsimulators die Gelegenheit genutzt, die Besonderheit und die noch immer funktionierende Technik kennenzulernen und sich als Panzerfahrer oder Panzerfahrerin zu probieren. Der „Traditionsverein FahrSim Kette Augustdorf e.V.“ ist der einzige Verein, dem diese ehemalige simulationsgestützte Ausbildungseinrichtung der Bundeswehr überlassen wurde.

Die Kameradschaft und die Begeisterung für die, aus heutiger Sicht, einfache und immer noch funktionierende Technik, seien die Hauptgründe gewesen, diese Traditionsgemeinschaft zu gründen, erklärt Jürgen Rahlmeier, ehemaliger Fahrlehrer der Kompanie und stellvertretender Vorsitzender des Vereines. „Die Panzerausbildungskompanie FahrSim Kette war unsere militärische Heimat. So etwas kann und darf nicht in Vergessenheit geraten“, so Rahlmeier weiter.

Heute zählt der Verein 67 Mitglieder. Sie treffen sich regelmäßig in „ihrer“ alten Kompanie. Auch wenn der Traditionsverein in den Räumlichkeiten der Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne seine Heimat hat, sind zivile Besuchergruppen, nach vorheriger Absprache, keine Seltenheit. Für Besuchergruppen, die im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit oder im Rahmen der Nachwuchsgewinnung die Panzerbrigade 21 „Lipperland“ besuchen, ist der Fahrsimulator stets eine besondere Anlaufstation.

An den Tagen der offenen Tür, in Ostwestfalen-Lippe und darüber hinaus bekannt als „Augustdorfer Soldatentag“, die in der Regel alle zwei Jahre stattfinden, ist der Fahrsimulator einer der Attraktionen in der Kaserne. Die „technische Seele“ des Vereins bildet der Schrank, 90 Zentimeter breit und etwa zwei Meter hoch. Die „militärische Seele“ lebt in der Arbeit des Traditionsvereins und ihren Mitgliedern weiter. Beides zusammen macht den „Traditionsverein FahrSim Kette Augustdorf e.V.“ zu einem ganz besonderen Verein.

Pressebericht als pdf mit Bildern

 

 

 

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